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Grundriss der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika (1954) (1954)


5/7 Der Norden gegen den Süden

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"Ein Haus, so es mit sich selbst uneins wird, mag nicht bestehen.
Ich glaube, die Regierung kann nicht dauern, wenn der eine Teil des Volkes frei, der andere versklavt ist."

Abraham Lincoln
Springfield, Illinois, am 17. Juni 1858.

Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war kein Land der Welt so interessant für andere Völker wie die Vereinigten Staaten, und wenige zogen so viele Besucher an. Einmal war das Buch des französischen politischen Schriftstellers Alexis de Tocqueville „Demokratie in Amerika" herzlich auf dem europäischen Kontinent aufgenommen worden und hatte dazu beigetragen, das Urteil über das neue Land zusehends positiver zu gestalten. Dann kamen Reisende ins Land, bewunderten Boston und seine Bai und staunten darüber, wie „eine blühende Stadt nach der anderen, Utica, Syracuse und Auburn", aus der Wildnis emporgewachsen war; sie durchquerten die Staaten im Norden und fanden überall die unzweideutigsten Beweise des Wohlstandes und eines raschen Fortschritts in Landwirtschaft, Handel und grossen öffentlichen Arbeiten. Ja, sie sahen ein ganzes Volk im vollen Genuss einer langen Periode wirtschaftlicher Blüte. Ob die Besucher in New York, Philadelphia oder Boston landeten, sie waren tief beeindruckt von der Rührigkeit, der Unternehmungslust und der Lebensfreude der Menschen: New Yorks hohe Bauten und glitzernde Schaufenster sprühten Licht und Farben, und Philadelphia zeigte mit Stolz seine schönen Plätze, breiten, schattigen Strassen und sauberen roten Ziegelhäuser mit den weissgescheuerten steinernen Vortreppen ...

Das Bundesgebiet erstreckte sich nun weit über die Wälder, Ebenen und Gebirge des Kontinents. Innerhalb seiner weitausgedehnten Grenzen lebten dreiundzwanzig Millionen Menschen in einem einunddreissig Staaten umfassenden Bund. Im Osten blühten alle Zweige der Industrie; die Landwirtschaft im Mittelwesten und im Süden warf gute Erträge ab; die Eisenbahnen verwoben die besiedelten Landstriche immer enger miteinander, und aus den Erzadern Kaliforniens ergoss sich ein goldener Strom in alle Kanäle der Wirtschaft. Nie zuvor hatte sich ein Land der Verheissung so offenkundig als das Land der Erfüllung erwiesen.

Es konnte den Besuchern jedoch nicht lange verborgen bleiben, dass es tatsächlich zwei Amerikas gab: das des Nordens und das des Südens. Die Schnelligkeit, mit der die allgemeine Entwicklung vor sich ging, vertiefte noch den Unterschied, der an sich schon zwischen diesen beiden Gebieten herrschte. In Neu-England und den Staaten der mittleren Zone am Atlantik lag das Zentrum von Industrie, Handel und Finanz. Seine Hauptprodukte waren Mehl und Schrot, Schuhe und Stiefel, Baumwollstoffe, Holzwaren, Kleider, Maschinen, Leder und Wollwaren. Die Schiffahrt dieser Gebiete stand auf dem Höhepunkt, und Schiffe unter amerikanischer Flagge befuhren die sieben Meere und beförderten die Güter aller Nationen.

Im Süden dagegen blühte die Landwirtschaft. Die Hauptquelle des Wohlstandes war die Baumwolle, ferner, in grossem Abstand, Reis, der längs der Küste angebaut wurde, Zucker aus Louisiana, Tabak aus den Grenzstaaten und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse; es gab auch ein paar Fabriken. Durch die vollere Ausnutzung des reichen, schwarzen Bodens der Ebenen am Golf von Mexiko stieg die Baumwollproduktion in den fünfziger Jahren nahezu auf das Doppelte, und Eisenbahnen, Dampfschiffe oder Lastwagen brachten die riesigen Ballen nach den Märkten im Norden und Süden. Reine Baumwolle machte über die Hälfte des amerikanischen Exports aus und war gleichzeitig unentbehrliches Rohmaterial für die Textilfabrikanten und Kaufleute des Nordens.

Der Mittelwesten mit seinen endlosen Prärien und seiner schnell anwachsenden Bevölkerung kam in diesen guten Zeiten voll auf seine Kosten, denn sowohl Europa als auch die älteren Siedlungsgebiete Amerikas brauchten seinen Weizen und seine Fleischerzeugnisse. Seine Bedeutung stieg weiter an, als die Einführung arbeitssparender Maschinen und Geräte die landwirtschaftliche Produktion in beispielloser Weise anwachsen liess. Die wichtigste der neuen Erfindungen war McCormicks Mähmaschine. 1848 waren fünfhundert dieser Maschinen im Gebrauch, 1860 aber bereits über hunderttausend. Die Weizenernte des Landes stieg von 2,725 Millionen Tonnen im Jahre 1850 auf 4,7 Millionen Tonnen im Jahre 1860; mehr als die Hälfte davon kam aus dem Mittelwesten. Einen wichtigen Beitrag zum Aufschwung des Westens lieferten auch die verbesserten Verkehrsbedingungen. Von 1850 bis 1857 wurden fünf Eisenbahnhauptlinien durch das Appalachengebirge gelegt; sie verbanden Norden und Westen „wie mit Stahlbändern", denn sie liessen einen regen, für beide Teile einträglichen Handel entstehen und schufen durch die Wechselwirkung der ökonomischen Kräfte eine haltbare Gesinnungsgemeinschaft auch im Politischen. Der Süden war in bedeutend schwächerem Masse in das sich ausdehnende Eisenbahnnetz miteinbezogen, und erst spät in den fünfziger Jahren verband eine Linie den unteren Mississippi quer durch das Gebirge mit der südlichen Atlantikküste.

Im Laufe der Jahre traten die widerstreitenden Interessen des Nordens und des Südens immer deutlicher zutage. Die Leute im Süden nahmen Anstoss an den grossen Gewinnen, die die Geschäftsleute des Nordens aus dem Baumwollhandel zogen, und gaben dem Aufstieg des Nordens schuld an der Rückständigkeit ihres eigenen Gebietes. Die Einwohner des Nordens ihrerseits erklärten, dass die Sklaverei, diese „merkwürdige Einrichtung", die der Süden als unentbehrlich für sein Wirtschaftssystem bezeichnete, voll und ganz dafür verantwortlich sei, dass ihr Gebiet hinter dem Norden zurückgeblieben war.

Schon etwa vom Jahre 1830 an hatte die Frage der Sklaverei die Trennung von Norden und Süden in wachsender Schärfe ans Licht gebracht, denn die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei konzentrierte sich mehr und mehr auf den Norden und führte zu einer Free-Soil-Bewegung mit dem Ziel, die Sklaverei aus den noch nicht als Einzelstaaten organisierten Gebieten des Bundes herauszuhalten; im Süden aber gab es niemanden, der die Sklaverei nicht ebenso als von seinen Vätern ererbt betrachtet hätte wie seine englische Sprache, seine repräsentativen politischen Einrichtungen, sein Denken und seine Sitten und Gebräuche. Sie war altes Kulturerbe und wurde fraglos hingenommen, besonders in jenen Küstenstrichen, wo sie seit über 200 Jahren bestanden hatte und einfach aus dem Leben nicht mehr wegzudenken schien. Eine Reihe von Negern, die in der fünften und sechsten Generation auf amerikanischem Boden lebten, waren nicht nur in Sprache und Handfertigkeit, sondern auch in ihrem Denken und in ihrer religiösen und gesellschaftlichen Welt mit den Weissen ihrer Umgebung völlig eins geworden; in fünfzehn im Süden und an der Grenze gelegenen Staaten machten Neger fast die Hälfte der weissen Bevölkerung aus, während sie im Norden nur eine unbedeutende Minderheit darstellten.

Von der Mitte der vierziger Jahre an warf das Sklavenproblem seinen Schatten über die gesamte amerikanische Innenpolitik. Der Süden des Bundes, vom Atlantischen Ozean bis in das Gebiet rechts des Mississippi, war eine verhältnismässig geschlossene politische Einheit und wusste sich in grundsätzlicher Übereinstimmung in allem, was Baumwolle und Sklaven betraf. Es steht ausser Zweifel, dass die Mehrzahl der Pflanzer in den Südstaaten sich daran gewöhnt hatte, die Sklaverei als zum Wesen ihrer Wirtschaft gehörig anzusehen, denn der Baumwollbau mit seinen primitiven Arbeitsmethoden und seiner neun Monate dauernden Saison machte die Verwendung von Frauen und Kindern neben gelernten Arbeitern möglich und war - aus allen diesen Gründen - glänzend für Sklavenwirtschaft geeignet.

Die führenden Politiker des Südens, die Gebildeten und der grösste Teil der Geistlichkeit, die in der Auseinandersetzung mit der zunehmend kritischen öffentlichen Meinung des Nordens das Wort führten, hörten nun auf, die Sklaverei zu entschuldigen und gingen stattdessen dazu über, sie anzupreisen. War sie nicht im Grunde zum Vorteil der Neger? Waren die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht viel unmenschlicher unter dem Lohnsystern des Nordens als unter der Sklaverei? Das alte patriarchalische System, auf das die Publizisten des Südens damit anspielten, war tatsächlich auf dem persönlichen Verhältnis zwischen Herr und Sklave aufgebaut und bediente sich noch vielfach wenig systematischer Betriebsführungsmethoden. Es hatte bis ungefähr 1830 vorgeherrscht; dann aber hatte es sich entscheidend geändert, denn mit der Einführung neuer Methoden zur Massenproduktion von Baumwolle im tiefen Süden fand die unmittelbare Beaufsichtigung der Sklaven durch ihre Herren sehr häufig ein Ende. Stattdessen wurden berufsmässige Aufseher angestellt, deren Stellung von ihrer Fähigkeit abhing, ein Maximum an Arbeit aus den Sklaven herauszuholen.

Viele Pflanzer behandelten zwar ihre Neger weiterhin mit Nachsicht, es gab aber auch Fälle von hartherziger Grausamkeit und das System machte es oft unvermeidlich, dass Familien auseinandergerissen wurden. Der stärkste Einwand gegen die Sklaverei war jedoch nicht die Unmenschlichkeit der Aufseher, sondern die Verletzung des grundlegenden Rechtes jedes Menschen, frei zu sein, und die Gelegenheiten zu Brutalität und Unterdrückung, die jedes System gibt, das Menschen in Knechtschaft hält. Weiterhin aber, um mit F.L. Olmsted, einem Zeitgenossen und gründlichen Kenner der Verhältnisse im Süden, zu sprechen, „gibt die Sklaverei dem Arbeiter keinerlei Anreiz, sein Können und seine Geschicklichkeit zu verbessern; sie zerstört seine Selbstachtung, verfälscht seinen Ehrgeiz und lenkt ihn auf Abwege; sie unterdrückt alle natürlichen Antriebe des Menschen, sich ständig um die Steigerung seiner Leistungen zu bemühen und dadurch seinem Lande und der ganzen Welt immer nützlicher zu werden."

Im Laufe der Jahre vergrösserte sich der Wert des in den Baumwollpflanzungen und ihren Sklaven angelegten Kapitals. Aus unbedeutenden Anfängen war die Baumwollernte im Jahre 1800 sprunghaft auf 15,75 Millionen Kilogramm angestiegen, war 1820 auf 72 Millionen geklettert und hatte 1840 insgesamt über 301,5 Millionen erreicht. Um 1850 produzierte der amerikanische Süden sieben Achtel des Weltbedarfs an Baumwolle. Die Sklaverei hatte damit Schritt gehalten, und so kam es, dass der Schutz der in den Baumwollplantagen und in der Sklaverei verankerten Interessen und die Ausdehnung des Systems zu innerpolitischen Hauptzielen der Südstaaten wurden. In erster Linie strebten sie danach, das Baumwollgebiet über seine derzeitigen Grenzen hinaus zu erweitern. Sie waren dazu besonders durch das verheerende Einfrucht-System gezwungen, bei dem ausschliesslich Baumwolle angepflanzt wurde, denn es erschöpfte den Boden sehr rasch und zwang die Pflanzer, neue, fruchtbare Gebiete aufzusuchen. Der Süden war ferner deshalb auf neues Land aus, weil er das Gleichgewicht der Macht im Bundesstaat nur erhalten konnte, wenn er die Neuaufnahme eines freien Staates in den Bund mit der Aufnahme eines Sklavenstaates parierte. Die Gegner der Sklaverei im Norden durchschauten jedoch sehr bald diese innerpolitischen Absichten des Südens und begannen, in ihnen eine böswillige Verschwörung zur Ausdehnung der Sklaverei zu erblicken.

In den dreissiger Jahren wurde die Agitation gegen die Sklaverei in den Nordstaaten schärfer und aggressiver. Eine erste Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, ein Ausläufer der amerikanischen Revolution, hatte ihren letzten Sieg im Jahre 1808 errungen, als der Kongress den Sklavenhandel mit Afrika abgeschafft hatte. Danach war die Opposition zum grössten Teil auf die Quäker beschränkt geblieben, deren sanfte Proteste jedoch wirkungslos verhallten, während die cotton gin den Bedarf an Sklaven immer stärker vermehrte. In den zwanziger Jahren hatte eine zweite Phase der Agitation eingesetzt, die hauptsächlich von dem dynamischen demokratischen Idealismus der Zeit und dem leidenschaftlichen neuen Interesse für soziale Gerechtigkeit getrieben worden war.

Die letzte Phase der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei in Amerika, die nun begann, war kämpferisch und kompromisslos; sie trotzte allen verfassungsmässigen und gesetzlichen Garantien, die das Sklavensystern umgaben, und bestand auf seiner sofortigen Aufhebung. Diese radikale Bewegung fand einen begeisterten Führer in William Lloyd Garrison, einem jungen Mann aus Massachusetts, in dem sich der fanatische Heroismus des Märtyrers mit den Fähigkeiten eines erfolgreichen Volkstribunen verband. Am 1. Januar 1831 erschien die erste Nummer seiner Zeitung The Liberator und verkündete sein Programm: „Ich werde rastlos für die sofortige Befreiung unserer versklavten Landsleute kämpfen ... Ich lehne es ab, über dieses Thema mit Mässigung zu sprechen oder zu schreiben, ja nur mit Mässigung daran zu denken ... Ich spreche in vollem Ernst - und unzweideutig - ich werde nichts entschuldigen - ich werde keinen Zoll zurückweichen - und man wird auf mich hören."

Garrisons Art, die Dinge in schrillen Farben darzustellen, brachte so manchem in den Nordstaaten zum Bewusstsein, welch übler Art diese Einrichtung war, die er seit langem als selbstverständlich und unabänderlich hinzunehmen gewohnt war. Seine Methode bestand darin, der Öffentlichkeit die abstossendsten und aussergewöhnlichsten Zwischenfälle mit Negersklaven vor Augen zu halten und die Sklavenhalter sowie alle, die sie verteidigten, als Folterknechte und Menschenhändler zu geisseln. Er bestritt den Herren alle Rechte, wollte nichts von Kompromissen wissen und duldete keinen Aufschub. Garrisons scharfe Sprache und die aufrührerische Form seiner Äusserungen liessen die meisten Amerikaner im Norden sowohl als auch im Süden jedoch vergessen, dass er pazifistische Ideen vertrat und dass er hoffte, die Sklaven durch moralischen Druck und nicht durch rohe Gewalt zu befreien. Da Garrison es aber ablehnte, politische Mittel in den Dienst seines Zieles zu stellen, war seine für die Sklavenbefreiung kämpfende Gruppe der wirksamsten Möglichkeiten beraubt, seine Ansichten zu propagieren, und so hatten andere Gegner der Sklaverei, die sich nicht über die üblichen politischen Methoden erhaben fühlten - darunter James Birney und Theodore Wald - letzten Endes mehr Erfolg. Sie in erster Linie haben die Bewegung zur Sklavenbefreiung in jener Periode zu einer der stärksten Kräfte im öffentlichen Leben Amerikas gemacht.

Ein Teil der Taktik der Bewegung bestand darin, flüchtigen Sklaven unter dem Schutz der Nacht zu sicherem Obdach im Norden zu verhelfen oder sie über die Grenze nach Kanada zu schaffen. So entstand in den dreissiger Jahren in allen Teilen des Nordens ein ausgeklügeltes Netzwerk geheimer Verbindungswege für die Flüchtlinge, das als „Untergrund-Eisenbahn" bekannt und zu einer festen Einrichtung wurde. Die erfolgreichsten Aktionen dieser Art erlebte der alte Nordwesten, denn allein in Ohio wurde in den Jahren 1830 bis 1860 schätzungsweise mehr als 40 000 flüchtenden Sklaven zur endgültigen Freiheit verholfen. Die Zahl der örtlichen Vereinigungen für die Sklavenbefreiung wuchs so rasch an, dass es 1840 über 2000 derartige Gesellschaften mit vielleicht 200 000 Mitgliedern gab.

Obwohl es das Hauptziel der aktiven Abolitionisten (Sklavenbefreier) war, die Sklaverei zu einer Gewissensfrage für jeden Mann und jede Frau zu machen, hielt sich die Bevölkerung der Nordstaaten von der Bewegung fern. Sie war zu sehr mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, um mehr in der Sklaverei zu sehen als ein Problem, das der Süden durch die Gesetzgebungen der Einzelstaaten zu lösen hatte, und die ungezügelte Agitation und der Eifer der Abolitionisten schienen ihnen die Union zu gefährden, deren Einheit ihnen wichtiger war als die Abschaffung der Sklaverei. Indessen, der Erwerb von Texas im Jahre 1845 und der sich bald darauf durch den mexikanischen Krieg ergebende Gebietszuwachs im Südwesten verwandelten die Frage der Sklaverei aus einem moralischen in ein brennendes politisches Problem. Bis zu diesem Zeitpunkt sprach alles dafür, dass die Sklaverei nicht über die Landstriche hinausgehen würde, in denen sie bereits existierte. Seit das „Missouri-Kompromiss" sie im Jahre 1820 auf bestimmte Gebiete eingeschränkt hatte, hatte sich keine Gelegenheit geboten, sie darüber hinaus zu tragen. Jetzt, da neue Territorien in die Union aufgenommen worden waren, die für eine Sklavenwirtschaft geeignet schienen, wurde eine weitere Verbreitung dieser „merkwürdigen Einrichtung" sehr wahrscheinlich.

Viele Nordstaatler glaubten, die Einrichtung würde allmählich von selbst verfallen und absterben, wenn man sie in feste geographische Grenzen banne. Sie widersetzten sich deshalb der Aufnahme neuer Sklavenstaaten in den Bund und wiesen auf Erklärungen Washingtons und Jeffersons und auf die Verordnung von 1787 hin, die eine Ausdehnung der Sklaverei auf den Nordwesten verbot. Diese Erklärungen und die Verordnung, behaupteten sie, seien rechtskräftig und stellten klare Präzedenzentscheidungen dar. Da es in Texas bereits Sklaverei gab, trat es der Union natürlich als Sklavereistaat bei; in Kalifornien, New Mexico und Utah jedoch gab es keine Sklaverei. Als die Vereinigten Staaten im Jahre 1846 Anstalten machten, diese Gebiete zu übernehmen, kamen von vier grossen Gruppen einander völlig widersprechende Vorschläge für ihr künftiges Schicksal. Die extremen Vertreter des südlichen Gesichtspunkts drängten darauf, alles von Mexiko erworbene Land den Sklavenhaltern zu öffnen; eine nördliche Gruppe entschiedener Abolitionisten verlangte, dass sämtliche neuen Territorien der Sklaverei verschlossen bleiben sollten; eine Gruppe Gemässigter regte an, die durch das Missouri-Kompromiss festgesetzte Grenze nach Westen bis zum Pazifik zu verlängern und die freien Staaten nördlich, die Sklavenstaaten südlich dieser Linie zu halten; eine andere gemässigte Gruppe schliesslich schlug vor, die Entscheidung dieser Frage der „Souveränität des Volkes" anheimzustellen - d.h., die Regierung sollte den Siedlern erlauben, nach Gutdünken mit oder ohne Sklaven in das neue Land zu ziehen, und sollte, wenn die Zeit reif sei, das Gebiet in Staaten organisieren und dem Volk selbst die Entscheidung überlassen. Je stärker man im Süden zu der Ansicht neigte, dass die Sklaverei in allen Gebieten Existenzberechtigung habe, desto mehr hielt man im Norden dafür, dass sie in keinem Staat existieren dürfe, und 1848 stimmten nahezu 300 000 Mann für die Kandidaten einer Free Soil Party (Partei des Freien Bodens), die als Hauptprogrammpunkt „die Sklaverei begrenzen, lokalisieren und diskreditieren" wollte.

Die Entdeckung von Gold in Kalifornien im Januar 1848 löste einen Ansturm von Goldsuchern aus aller Welt aus; die Zahl der Einwanderer nach den Vereinigten Staaten belief sich allein im Jahre 1849 auf insgesamt 80 000. Das machte Kalifornien zu einem kritischen Problem, denn es war klar, dass der Kongress den Status dieses neuen Gebietes festzulegen hatte, noch ehe eine regelrechte Regierung eingesetzt werden konnte. Die Nation setzte ihre Hoffnungen auf Senator Henry Clay, der bereits zweimal in Krisenzeiten Kompromisslösungen herbeigeführt hatte, und auch dieses Mal konnte er einem gefährlichen regionalen Streit durch einen wohldurchdachten Plan Einhalt gebieten. Sein Kompromissvorschlag (in der später vom Kongress abgeänderten Form) sah unter anderem die Aufnahme Kaliforniens als Staat mit einer Free-Soil-Verfassung (d.h. unter Verbot der Sklaverei) vor, während der Rest des neuerworbenen Landes in die zwei Territorien New Mexico und Utah aufgeteilt werden sollte, ohne eine endgültige Regelung der Frage der Sklaverei vorzunehmen. Texas' Anspruch auf einen Teil von New Mexico sollte durch Zahlung von 10 Millionen Dollar befriedigt werden; weiter sollte das Verfahren verbessert werden, entflohene Sklaven wieder einzufangen und ihren Herren zurückzubringen, und schliesslich sollte der Sklavenhandel (aber nicht die Sklaverei) im District of Columbia (der Bundeshauptstadt Washington und ihrer Umgebung) abgeschafft werden. Diese Massnahmen - in der amerikanischen Geschichte als „Kompromiss von 1850" berühmt - wurden vom Kongress gebilligt, und ein tiefes Aufatmen der Erleichterung ging durch das Land.

Für die Dauer dreier kurzer Jahre schien das Kompromiss nahezu alle Gegensätze auszugleichen. Doch unter der Oberfläche schwelte es weiter, und die Spannung wuchs. Das neue „Gesetz über die Verhaftung und Zurückführung entlaufener Sklaven" war vielen Menschen im Norden in der Seele zuwider. Sie lehnten es ab, irgendetwas damit zu tun zu haben, Sklaven einzufangen - im Gegenteil, sie halfen den Flüchtlingen zu entkommen. Die „Untergrund-Eisenbahn" brachte in voller Öffentlichkeit und mit wachsendem Erfolg zahllosen Menschen Freiheit und Sicherheit.

In diesem Augenblick erschien ein literarisches Werk, aus dem ein grelles Licht auf die Zerrissenheit des amerikanischen Staatswesens fiel und das mit leidenschaftlich glühender Menschenliebe die Einrichtung anprangerte, die den Bund in seinem Bestand bedrohte. Die Kreise, die geglaubt hatten, die Sklavenfrage werde sich mehr oder minder von selbst lösen, hatten nur mit Politikern und Zeitungsleuten gerechnet und konnten nicht ahnen, dass ein einziger Roman tiefer wirken würde als Gesetzgeber oder die Tagespresse. Die Dichter Whittier, Lowell, Bryant, Emerson und Longfellow hatten bereits ihrem Hass gegen die Sklaverei wirksam Ausdruck gegeben, und nur wenige Menschen hatten im Jahre 1851 noch geglaubt, dass man darüber einen Volksroman schreiben könne. In diesem Jahr jedoch erschien in der volkstümlichen Zeitschrift National Era eine Skizze, die den Tod eines Sklaven namens Onkel Tom schilderte, und erregte so starkes Interesse, dass die Autorin, Harriet Beecher Stowe, sich daran machte, in wöchentlich erscheinenden Fortsetzungen die Geschichte von „Onkel Toms Hütte" zu schreiben und als tragisches Ende den (bereits beschriebenen) Tod Onkel Toms in sie einzuarbeiten.

Dieses Buch war in mehr als einer Hinsicht ungewöhnlich. Dass „Hattie" Beecher, die Tochter des bekannten Predigers Lyman Beecher, schriftstellerisches Talent besass, wusste nur ihr Mann, und als sie begann, „Onkel Toms Hütte" zu schreiben, hatte sie auf diesem Gebiet so gut wie gar keine Erfahrung. Ihre innere, ethische Bereitschaft für die Aufgabe war jedoch umso grösser, und als das Gesetz über die Zurückschaffung flüchtiger Sklaven erlassen wurde, drängte es sie, ihrer Überzeugung laut Ausdruck zu geben. Die Entstehungsgeschichte des Buches gehört zu den erstaunlichsten Episoden der Literaturgeschichte. Harriet Beecher Stowe hatte ursprünglich nur eine kleine Skizze schreiben wollen, aber schon ehe die letzten Fortsetzungen erschienen waren, war die Geschichte zu einer grossen Sensation geworden. 1852 wurde sie in Buchform veröffentlicht, und noch vor Jahresende waren über 300 000 Exemplare verkauft; acht Druckmaschinen liefen Tag und Nacht, um die grosse Nachfrage zu befriedigen.

„Onkel Toms Hütte" liess den vielen menschlichen und grossmütigen Besitzern von Sklaven volle Gerechtigkeit widerfahren; der einzige brutale Sklavenantreiber, Simon Legree, stammte aus dem Norden. Aber Harriet Beecher Stowe zeigte, wie untrennbar Sklaverei mit Grausamkeit verknüpft war und dass zwischen der freien Gesellschaft und der Gesellschaft, die Sklaverei duldete, eine unversöhnliche Gegensätzlichkeit bestand. Die junge Generation im Norden, die ins Wahlalter hineinwuchs, wurde von dem Buch zutiefst beeindruckt; aber nicht nur in Amerika, sondern auch in England, Frankreich und anderen Ländern erfüllte es eine Aufgabe, denn es wurde in viele Kultursprachen übersetzt und entfachte überall stürmische Begeisterung für die Sache der Sklavenbefreiung, weil es an die Elementargefühle der Menschen rührte - an Entrüstung und Mitleid mit hilflosen Opfern unbarmherziger Grausamkeit.

Von nun an war die Sklavenfrage einfach nicht mehr zu umgehen. Die dünne Kruste, die das Kompromiss von 1850 über die brodelnde Lava gelegt hatte, riss überall auf, und schon 1854 entbrannte der alte Streit über die gesetzliche Regelung der Sklaverei in den Territorien - in diesem Falle in dem gewaltigen Nebraska-Territorium - von neuem und mit grösserer Heftigkeit. Die Radikalen aus dem Süden waren entschlossen, das Missouri-Kompromiss, das das ganze obere Missourital der Sklaverei verschlossen hatte, ausser Kraft zu setzen; aber als sie dafür die ersten Schritte unternahmen, erhob sich der Norden. Das Gebiet, das heute die fruchtbaren Staaten Kansas und Nebraska umfasst, lockte damals bereits neue Siedler an und versprach nach der Einsetzung einer festen Regierung eine rasche Entwicklung. Der Norden war der Meinung, dass sehr bald Siedler einströmen würden, wenn die Verhältnisse erst einmal geordnet wären, und dass man dann eine Eisenbahn von Chicago bis zum Pazifik durch das Land legen könne. Das Missouri-Kompromiss von 1820 hätte dieses ganze neue Gebiet für die Sklaverei gesperrt. Führende Sklavenhalter aus Missouri erhoben jedoch Einspruch gegen die Zulassung des im Westen an Missouri angrenzenden Kansas als freies Territorium, denn dies hätte Missouri auf drei Seiten mit freien Nachbarstaaten umgeben und den bereits im Innern des Staates mächtigen Protest gegen die Sklaverei so verstärkt, dass der Übergang in einen freien Staat unvermeidbar geworden wäre. Eine Zeitlang blockierten deshalb die Abgeordneten Missouris, von den Vertretern des Südens sekundiert, alle Bemühungen im Kongress, das neue Gebiet auf eigene Füsse zu stellen.

Im Jahre 1854 jedoch spaltete Stephen A. Douglas, der erste Senator von Illinois, die Opposition dadurch, dass er einen Gesetzesvorschlag einbrachte, der bei allen Free-Soil-Anhängern tiefste Empörung auslöste. Nach seiner Ansicht war das Kompromiss von Missouri längst aufgehoben, da es 1850 Utah und New Mexico freigestellt worden war, die Frage der Sklaverei selbst zu entscheiden. Sein Plan sah die Einrichtung zweier neuer Territorien, Kansas und Nebraska, vor; es sollte den Siedlern erlaubt sein, Sklaven in diese Gebiete mitzubringen, und die Bewohner der beiden Territorien sollten später selbst entscheiden, ob sie der Union als freie oder als Sklavenstaaten beitreten wollten. Der Norden beschuldigte Douglas, er katzbuckle vor den Südstaaten, um sich ihre Stimmen für die Präsidentenwahl von 1856 zu sichern, und zweifellos war sein politischer Ehrgeiz sehr gross; wenn er aber geglaubt hatte, die öffentliche Meinung im Norden werde seinen Plan gefügig hinnehmen, so sollte er rasch eines Besseren belehrt werden, denn Millionen von Menschen empfanden es als unverzeihlich, die Sklaverei in die reichen Ebenen des Westens zu bringen. Ein hitziger Kampf brach los und machte sich in leidenschaftlichen Debatten Luft: die Free-Soil-Presse griff Douglas mit Heftigkeit an, Tausende von Geistlichen im Norden wetterten von ihren Kanzeln dagegen, Geschäftsleute, die bisher dem Süden freundlich gegenüber gestanden hatten, nahmen plötzlich eine entgegengesetzte Haltung ein. Dennoch wurde an einem Maimorgen das Gesetz vom Senat unter den Böllerschüssen begeisterter Südstaatler verabschiedet.

Damals prophezeite Salmon P. Chase, einer der Führer der Abolitionisten: „Heute feiern sie einen Sieg; aber das Echo, das sie wecken, wird erst verhallen, wenn auch die Sklaverei ihr Ende gefunden hat." Als Douglas einige Zeit später nach Chicago kam, um sich zu rechtfertigen, flaggten die Schiffe im Hafen halbmast, die Kirchenglocken läuteten eine ganze Stunde lang, und eine zehntausendköpfige Menschenmenge johlte so laut, dass er am Reden verhindert war. In Kansas flammte bittere Feindschaft zwischen den aus dem Süden kommenden Sklavenhaltern und den für die Sklavenbefreiung eintretenden Siedlern aus dem Norden auf. Schon nach kurzer Zeit war das Territorium der heftigen bewaffneten Zusammenstösse wegen im Volksmund zum „blutigen Kansas" geworden.

Die unmittelbaren Folgen des unglückseligen Douglas'schen Gesetzes waren einschneidend. Die Partei der Whigs, die in der Sklavenfrage keinen eindeutigen Standpunkt bezogen hatte, brach zusammen; an ihre Stelle trat eine machtvoll aufstrebende neue Organisation, die Republikanische Partei, und verlangte als erstes das Verbot der Sklaverei in allen Territorien. 1856 stellte die neue Partei den draufgängerischen John Frémont, der mit seinen fünf Forschungsexpeditionen in den Fernen Westen wohlverdienten Ruhm errungen hatte, als Präsidentschaftskandidaten auf, und obwohl sie die Wahl verlor, konnte sie im Norden einen starken Zulauf verbuchen. Führende Männer der Free-Soil-Bewegung, wie Chase und William Seward, gewannen mehr Einfluss als je zuvor, und gemeinsam mit ihnen trat ein grosser, hagerer Rechtsanwalt aus Illinois, Abraham Lincoln, hervor, der durch die scharfe Logik auffiel, mit der er die neuen Probleme diskutierte.

„Jedes Volk, das eine grosse Schuld ungesühnt mit sich herumträgt", hatte Mrs. Stowe geschrieben, „muss furchtbarer Umwälzungen gewärtig bleiben"; der Umsturz, den sie prophezeit hatte, kam näher und wurde mit jedem Jahr, das ins Land ging, unvermeidlicher. 1857 fiel die berühmte Entscheidung des Obersten Gerichtshofes im Falle Dred Scott. Scott war Sklave in Missouri gewesen, sein Herr hatte einige zwanzig Jahre zuvor seinen Wohnsitz nach Illinois und Wisconsin, wo die Sklaverei verboten war, verlegt und ihn dorthin mitgenommen. Nach seiner Rückkehr nach Missouri wurde Scott mit seinem Los unzufrieden und strengte, auf die Tatsache gestützt, dass er in einem freien Lande gelebt hatte, einen Prozess auf seine Freilassung an. Das Gericht, in dem Juristen aus dem Süden das Übergewicht hatten, entschied, dass Scott jeden Anspruch auf Freiheit verloren habe, da er freiwillig in einen Sklavenstaat zurückgekehrt sei, und verfügte überdies, dass alle Versuche des Kongresses, die Sklaverei in den Territorien zu verbieten, rechtsungültig seien. Diese Entscheidung versetzte den ganzen Norden in wilde Erregung und führte zu abschätzigen Urteilen über die Justiz, wie sie zuvor nie gehört worden waren. Für die Demokraten der Südstaaten jedoch bedeutete die richterliche Entscheidung einen grossen Sieg, da sie ihre Auffassung über die Sklavenhaltung in den Territorien bestätigte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Abraham Lincoln kaum unter den unzähligen anderen politisch aktiven Anwälten des Mittelwestens hervorgetan. Schon lange hatte er die Sklaverei als ein Übel betrachtet, und in einer im Jahre 1854 in Peoria, Illinois, gehaltenen Rede hatte er u.a. gefordert, dass die gesamte Gesetzgebung des Bundes auf dem von den Gründern der Republik anerkannten Prinzip aufgebaut werden solle, dass die Sklaverei langsam einzuschränken und schliesslich ganz abzuschaffen sei. Das Prinzip der lokalen Souveränität des Volkes sei, so erklärte er ferner, nicht auf das Sklavenproblem anwendbar, denn es sei die Angelegenheit der gesamten Vereinigten Staaten und nicht lediglich der Bewohner der westlichen Territorien, wenn dort Sklaverei herrsche. Diese Rede machte ihn damals über den ganzen emporstrebenden Westen hin bekannt und führte 1858, vier Jahre später, bei den Senatswahlen in Illinois zu seiner Aufstellung als Gegenkandidat von Stephen Douglas. Im ersten Teil der Rede, mit der er am 17. Juni 1858 seinen Wahlfeldzug eröffnete, rührte Lincoln an das Leitmotiv, das die amerikanische Geschichte in den nächsten sieben Jahren durchziehen sollte:

„... ‚Ein Haus, so es mit sich selbst uneins wird, mag nicht bestehen!' Ich glaube, die Regierung kann nicht dauern, wenn der eine Teil des Volkes frei, der andere versklavt ist. Ich erwarte nicht, dass der Bund sich auflöst - ich erwarte nicht, dass das Haus einfällt: aber ich erwarte, dass es die Zweiteilung überwindet."

Im Laufe des Sommers und Herbstes 1858 diskutierten Lincoln und Douglas siebenmal in öffentlichen Wahlversammlungen miteinander. In den kleinen, in der prallen Sonne daliegenden Ortschaften, inmitten der wogenden Maisfelder von Illinois, wurden sie von hemdsärmeligen Farmern erwartet, die mit ihren Familien in Leiterwagen und Einspännern oder auch zu Fuss zusammengeströmt waren. Senator Douglas, von der Ortsgruppe der Demokratischen Partei begleitet, fuhr in einem offenen Wagen vor und bestieg die Rednertribüne; er war untersetzt und stämmig, forsch und ein wenig zu Übertreibungen geneigt, wurde allgemein „der kleine Riese" genannt und besass den Ruf, ein glänzender Redner zu sein; jeder Zug seines Gesichts zeugte von Selbstvertrauen und hoher Leistung, jede Bewegung verriet Kraft und Angriffslust. Abe Lincoln pflegte zu Fuss zu kommen; er überragte mit seinem von Falten durchfurchten Gesicht und seinem langen Hals weithin sichtbar die Menge und sah fast schwermütig auf sie herab. Auf ihm lastete die Bürde, als Angreifer aufzutreten, denn er stellte nicht nur Douglas' Recht in Frage, weiterhin im Senat zu verbleiben, sondern repräsentierte auch eine neue Partei. Die englische Sprache kennt wenige Debatten, die scharfsinniger, klarer und durchschlagender waren als die dieser beiden Männer bei diesen Gelegenheiten. Und obgleich Douglas wieder zum Senator gewählt wurde, hatte sich Lincoln durch diesen Wahlkampf eine anerkannte Stellung im öffentlichen Leben Amerikas erworben.

Kurz nach der Wahl brach der Kampf zwischen Norden und Süden erneut offen aus. John Brown, ein fanatischer Gegner der Sklaverei, der schon drei Jahre zuvor in Kansas blutig und gewaltsam gegen die Sklaverei vorgegangen war, hatte nicht aufgehört, auf Abhilfe des Übels zu sinnen und plante jetzt zusammen mit einigen radikalen Abolitionisten einen verwegenen Handstreich. Er sammelte eine Gruppe von 18 Anhängern, darunter fünf Neger, um sich und besetzte in der Nacht vom 16. Oktober 1859 das Bundeszeughaus in Harpers Ferry im Staate Virginia. Bei Tagesanbruch strömten die mit allen möglichen Waffen ausgerüsteten Bürger der Stadt zusammen, eröffneten mit einigen Milizkompanien einen Gegenangriff und nahmen Brown und den überlebenden Rest seiner Anhänger gefangen. Das ganze Land geriet über diese Episode in Aufruhr. Viele Südstaatler fanden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt, die Eiferer auf der Gegenseite aber sahen in Brown nur den edlen Märtyrer einer grossen Sache. Die meisten Nordstaatler indessen verwarfen sein Heldenstückchen, denn sie erblickten darin nicht einen Angriff auf den Süden, sondern einen Anschlag auf die gesellschaftliche Ordnung überhaupt und auf die Demokratie und ihr Verfahren, friedlich zum Besseren fortzuschreiten. Brown wurde wegen Verschwörung, Hochverrat und Mord der Prozess gemacht, und am 2. Dezember 1859 wurde er gehängt. Er hatte sich bis zum letzten Augenblick für ein Werkzeug Gottes gehalten.

Dieser Zwischenfall diente lediglich dazu, die seit den ersten Tagen der Besiedlung des Landes bestehenden Gegensätze zwischen Nord und Süd zu vertiefen und sie noch fester im Leben der sich entfaltenden Nation zu verankern. Der Süden war fast völlig landwirtschaftlich bestimmt, während der Norden weithin städtischen Charakter trug. Der Norden brauchte Schutzzölle auf Fertigwaren, um seine wachsende Industrie zu stärken; der landwirtschaftliche Süden verabscheute sie. Der Norden war an einer beschleunigten Aufteilung des öffentlichen Grund und Bodens in kleinere Grundstücke interessiert und forderte immer drängender, dass jedem Siedler unentgeltlich freies Grundeigentum zugewiesen würde; „Gib Deine Stimme für eine eigene Farm" wurde zu einer weitverbreiteten Wahlparole; der Süden dagegen wünschte den nationalen Grundbesitz zusammenzuhalten und ihn nur zu hohen Preisen zu verkaufen. Der Norden wollte ein gutfunktionierendes bundesstaatliches Bankwesen; der Süden bekämpfte die Bundesbank. Im Norden hatte sich eine kräftige Mittelklasse entwickelt, und seine Gesellschaft war demokratischer als die des Südens, wo Besitz und Macht in den Händen einer kleinen Schicht reicher Sklavenhalter konzentriert waren.

Die Präsidentschaftswahl von 1860 brachte die politischen Gegensätze zwischen dem Norden und dem Süden klar zur Anschauung. Die Republikanische Partei ging in voller Einigkeit in den Feldzug und stellte auf einer von Begeisterung getragenen Tagung in Chicago in Abraham Lincoln ihren volkstümlichsten Vertreter aus dem Mittelwesten als Präsidentschaftskandidaten auf. Alle ihre Kräfte waren auf das Höchste angespannt, und Millionen von Wählern verkündeten ihre feste Entschlossenheit, die Ausbreitung der Sklaverei nicht länger dulden zu wollen. Die Republikanische Partei versprach Schutzzölle für die Industrie und gewann die landhungrigen Nordstaatler durch ihr Versprechen, den Siedlern durch ein neues Gesetz freie Farmen zu sichern. Der Opposition dagegen mangelte es an Einigkeit, und als der Wahltag vorüber war, sahen sich Lincoln und die Republikanische Partei unangefochten im Sattel.

Es stand von vornherein fest, dass ein Sieg Lincolns Süd-Carolina zum Austritt aus der Union veranlassen werde, denn dieser Staat hatte schon lange, auf einen Anlass gewartet, mit den anderen Südstaaten zu einem neuen Bund zusammenzutreten. Sobald die Wahlresultate feststanden, erklärte eine eigens zu diesem Zweck einberufene Landesversammlung von Süd-Carolina, „dass die gegenwärtig zwischen Süd-Carolina und anderen Staaten unter dem Namen ‚Die Vereinigten Staaten von Amerika' bestehende Union hiermit aufgelöst sei." Die Staaten des tiefen Südens folgten Süd-Carolina unverzüglich und schlossen sich mit ihm am 8. Februar 1861 als Konföderierte Staaten von Amerika zusammen.

Knapp einen Monat später, am 4. März 1861, wurde Abraham Lincoln in das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeführt. In seiner Antrittsrede lehnte er es ab, diese Trennung vom Bund anzuerkennen, bezeichnete sie als „gesetzlich ungültig" und schloss beredt und eindringlich mit der Bitte, „die alten Bande der Freundschaft" wieder anzuknüpfen. Aber der Süden verschloss sich seinen Bitten; am 12. April eröffneten Geschütze das Feuer auf das Bundesfort Sumter in Hafen von Charleston, Süd-Carolina. Jetzt gab es im Norden kein Zögern mehr; in jeder Stadt und jedem Dorf wurde Alarm getrommelt, und überall eilte die Jugend zu den Waffen; mit gleicher Begeisterung folgten die Bewohner der sieben Sezessionsstaaten dem inzwischen ergangenen Rufe ihres Präsidenten Jefferson Davis. Niemand konnte ahnen, welche Ausmasse der bevorstehende Krieg annehmen und welche Schrecken er über das Land bringen würde.

Schätzungsweise 800 000 Mann fochten in den Armeen der Südstaaten, und etwa zwei- bis dreimal soviel in denen der Nordstaaten. Über 50 000 weisse und über 100 000 Negersoldaten der Unionsarmee waren in den Sezessionsstaaten selbst rekrutiert worden.

Mit Spannung warteten beide Teile auf die nächsten Schritte derjenigen Sklavenstaaten, die bisher loyal geblieben waren. Am 17. April beschritt Virginia den schicksalsschweren Weg, und kurz darauf folgten Arkansas und Nord-Carolina. Kein anderer Staat war mit so grossem Widerstreben aus der Union ausgeschieden wie Virginia, denn seine Politiker hatten bei der Erringung der Unabhängigkeit und bei der Formulierung der Verfassung eine entscheidende Rolle gespielt, und fünf Präsidenten der USA waren aus Virginia gekommen. Mit Virginia ging auch Oberst Robert E. Lee für den Norden verloren, der aus Treue zu seinem Staat den Oberbefehl über die Unionsarmee abgelehnt hatte. Zwischen dem auf diese Weise vergrösserten Gebiet der Konföderation und dem für Free Soil eintretenden Norden lagen die Grenzstaaten, die sich ganz unerwartet als national gesinnt und der Union treu erwiesen.

Auf beiden Seiten ging das Volk mit grossen Hoffnungen auf einen baldigen Sieg in den Krieg. Der Norden war im Vorteil, denn er besass das Übergewicht an Menschen und Material. 23 Staaten mit einer Bevölkerung von 22 Millionen Menschen standen gegen elf Staaten mit insgesamt neun Millionen Einwohnern im Felde, und zu diesem grösseren Menschenpotential des Nordens kam eine sogar noch erheblichere industrielle Überlegenheit, denn im Gegensatz zum landwirtschaftlichen Süden standen dem Norden eine Fülle von Fabriken und Werkstätten zur Herstellung von Waffen, Munition, Bekleidung und anderem Kriegsmaterial zur Verfügung; auch das dichtere Eisenbahnnetz im Norden trug zum militärischen Erfolg der Union bei. Die Konföderation wiederum war ein in sich geschlossenes, von guten Wasserwegen durchzogenes Gebiet; da der Kampf auf ihrem Boden stattfand, konnte sie ihre Front mit einem Minimum an Kraftaufwand und einem kleineren Kriegsbudget halten.

Die Strategie des Nordens beruhte auf drei Grundideen: Blockade der Häfen im Süden, Eroberung des Mississippitals und Abspaltung der östlichen Gebiete vom Rest der Konföderation. Die Kriegsmarine, die sich ganz im Besitz des Nordens befand, war zu Beginn der Operationen schwach und über ein weites Gebiet verteilt, wurde jedoch unter Führung des fähigen Marineministers Gideon Welles reorganisiert und gewann an Stärke. Dies machte die Blockade, die Lincoln über die südlichen Teile der Küste verhängt hatte, trotz vieler Erfolge konföderierter Blockadebrecher zu einer erheblichen Belastung der Kriegswirtschaft des Südens, besonders da es schon zu Beginn des Krieges gelungen war, den Hafen von Mobile und New Orleans einzunehmen und so die Mündung des Mississippi zu verriegeln. Der zweite Teil des strategischen Planes, die Eroberung des gesamten Mississippitals, war knapp zwei Jahre nach Ausbruch des Krieges verwirklicht: eine Armee der Union unter Führung General Ulysses S. Grants zwang nach einer Belagerung von sechs Wochen den stark befestigten Binnenhafen Vicksburg zur Übergabe und schnitt so in einer meisterhaften Operation, die zu den klassischen der Kriegsgeschichte gehören sollte, die Nachschublinien der Ostfront der Konföderation von ihrer Basis in Texas, Arkansas und Louisiana im Westen ab.

Nur auf dem Kriegsschauplatz im Osten erlitten die Armeen des Nordens einen entmutigenden Fehlschlag nach dem anderen und wurden ein ums andere Mal durch die überlegene Strategie der Generäle des Südens zum Rückzug gezwungen. Eine ganze Reihe von Versuchen der Unionsarmeen, in Frontalangriffen das 160 Kilometer von Washington entfernte Richmond im Staate Virginia einzunehmen, schlugen fehl. Erst nachdem die Armeen des Nordens ungeheure Verluste erlitten hatten, erliess Lincoln, mehr aus einem Gefühl der Verzweiflung als des Triumphes heraus, am 1. Januar 1863 seine berühmte Emanzipations-Erklärung, die alle aufständischen Sklavenhaltern der Südstaaten gehörigen Neger als frei erklärte. Damit verkündete Lincoln dem Süden und der übrigen Welt, dass der Krieg nicht nur um des Bestands der Union, sondern auch um der Abschaffung der Sklaverei willen geführt wurde.

Im Sommer 1863 leitete der glänzende Oberbefehlshaber der Südarmeen, General Robert E. Lee, einen Einfall in das Gebiet der Nordstaaten und stiess bis zu der unweit von Harrisburg, der Hauptstadt des Staates, gelegenen Siedlung Gettysburg in Pennsylvania vor, in dem wichtige Nachschublinien des Nordens zusammenliefen. Hätte sich Lee in Pennsylvania halten können, dann hätte er Washington vom Rücken aus angreifen können; aber die Schlacht von Gettysburg hatte den Konföderierten grosse und nicht mehr zu ersetzende Verluste gebracht, und Lee musste seine Armeen zurückziehen.

1864 begann die entscheidende Endphase der Operationen. Monat für Monat war die Überlegenheit des Nordens mit seiner Industrie und Landwirtschaft, seinen Reserven an Menschen und seinem Verkehrswesen über die von der Blockade geschwächten Streitkräfte des Südens gewachsen; die Front der Konföderierten musste früher oder später zusammenbrechen. Im November 1864 setzte sich General William T. Sherman vom Osten Tennessees in Richtung auf Georgia und die Küste in Marsch und verwüstete alles vor sich her. Seine 60 000 Mann starke Armee trieb ohne Rücksicht auf die Gefahren, die von den verlängerten Nachschublinien drohten, einen breiten Keil quer durch den Staat, versorgte sich aus dem Lande, zerstörte Industrieanlagen, Häuser, Baumwollfabriken und öffentliche Gebäude, riss die Schienenstränge auf und trug den Fluch des totalen Krieges bis tief in den Süden hinein. Sherman erreichte Atlanta und schwenkte nordwärts durch Süd-Carolina auf Richmond und die Nachhut General Lees ein. Zu gleicher Zeit richtete General Philip Sheridans Armee ähnliche Verwüstungen in dem reichen, bezaubernd in die Berge Virginias eingebetteten Shenandoahtal an, dessen Vorräte für den Nachschub der konföderierten Kavallerie alles bedeutet hatten, und legte es in Schutt und Asche.

Der Krieg trat damit in sein Endstadium ein. General Grants Armee rückte unaufhaltsam gegen Richmond, Sherman stiess nach Norden vor, und der hoffnungslos eingekesselte Lee fügte sich schliesslich in das Unvermeidliche und kapitulierte am 9. April 1865 in Appomattox vor General Grant.

Die Kapitulationsbedingungen waren mild, und als Grant von der Friedenskonferenz zurückkehrte, brachen seine Soldaten in lärmende Proteste aus, bis er schliesslich versetzte: „Die Rebellen sind nun wieder unsere Landsleute geworden" ... Der Krieg für die Unabhängigkeit des Südens war eine „verlorene Sache" geworden.

Der Held der „verlorenen Sache" war unstreitig Robert E. Lee. Sein Organisationstalent, seine gewissenhafte Beachtung auch des Details, seine liebende Fürsorge für seine Leute, sein Wagemut und seine gute Erscheinung gewannen ihm Vertrauen und Ergebenheit der Truppen, und seine ausgezeichneten Führereigenschaften, seine menschliche Anständigkeit während des ganzen Konflikts und seine Grösse angesichts der Niederlage erweckten Bewunderung. Er war wie George Washington gross im Frieden wie im Kriege. In den fünf Jahren, die er nach der Auseinandersetzung noch lebte, widmete er sich dem wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Wiederaufbau des Südens und warb für die Wiederherstellung von Treu und Glauben zwischen den Feinden von Gestern.

Im Norden aber hatte der Krieg einem noch bedeutenderen Manne geschichtliche Grösse gebracht: Abraham Lincoln. In den ersten Kriegsmonaten hatten nur wenige das wahre Format des unbeholfenen Anwalts aus dem Westen erkannt. Nach und nach jedoch begann das Volk ihn zu verstehen: seine tiefe Weisheit, die sorgfältigen Studien und unaufhörlichem Grübeln entsprungen war, seine unbeirrte Wahrheitsliebe, seine unerschöpfliche Geduld und ein Herz, dessen Grossmut keine Grenzen kannte. Wenn er auch manchmal zu zögern und zu schwanken schien, so erwies es sich später immer zum Vorteil des Landes, dass die Macht sich dem Geist gebeugt hatte, denn ihm lag vor allem daran, das Land nicht durch Gewalt und Unterdrückung, sondern in Liebe und Grossmut zu einer Einheit zusammenzuschweissen. Seine Aussenpolitik hatte Würde, Lauterkeit und Festigkeit, und obwohl Lincoln mehr Macht besass als je ein Präsident zuvor, glaubte er inbrünstig an die demokratische Selbstbestimmung und besass das volle Vertrauen des Volkes, das ihn 1864 zum zweiten Male zum Präsidenten wählte.

Seine zweite Antrittsrede schloss Lincoln mit den Worten: „ ... Keinem zum Übel, in Nächstenliebe für alle, unbeirrbar auf das Recht gestützt, wie Gott es uns sehen lässt, wollen wir danach streben, das begonnene Werk zu vollenden, die Wunden unseres Landes zu verbinden, für jene, die die Bürde des Kampfes getragen haben, und für ihre Witwen und Waisen zu sorgen ... und alles tun, was zu einem gerechten und dauernden Frieden unter uns und mit allen Völkern führen und den Frieden erhalten kann."

Drei Wochen später, zwei Tage nach Lees Kapitulation, hielt Lincoln seine letzte öffentliche Ansprache, um seine Richtlinien für die Wiedereingliederung der Südstaaten (Reconstruction) bekanntzugeben - gewiss die grossmütigsten Bedingungen, die ein Sieger jemals einem hilflosen Gegner gestellt hat, denn Lincoln betrachtete sich nicht als Eroberer, sondern beteuerte, dass er seit 1861 ohne Unterbrechung Präsident der ganzen Vereinigten Staaten, nicht nur des Nordens, gewesen war; der Aufstand müsse vergessen und jeder Südstaat wieder in den vollen Genuss seiner bundesstaatlichen Rechte eingesetzt werden. Am Abend des 13. April, einem Donnerstag, war ganz Washington zur Feier von Lees Kapitulation illuminiert, und seine Strassen waren von jubelnden Menschenmengen durchwogt. Am 14. hielt der Präsident eine Kabinettssitzung, in der die Aufhebung der Blockade beschlossen wurde. Lincoln drang in seine Minister, nur noch für den Frieden zu planen und nicht mehr an Blutvergiessen und Verfolgungen zu denken.

Es sollte seine letzte Kabinettssitzung bleiben, denn am Abend des gleichen Tages wurde er von einem besessenen Fanatiker in seiner Loge im Theater ermordet.

„Nie zuvor haben so unzählig viele Menschen Tränen um den Tod eines Mannes vergossen, den sie nie gesehen hatten, wie an jenem grauenvollen Aprilmorgen" - schrieb der Dichter James Russell Lowell in Erinnerung an Lincolns Ermordung. „Es war, als hätten sie mit ihm einen Freund verloren, als wäre ihr Leben durch den Verlust kälter und dunkler geworden. Fremde auf den Strassen tauschten mitfühlende Blicke miteinander aus und gingen stumm ihres Weges weiter: ihr Schweigen sprach eindrucksvoller als jedes Rühmen am Grab. Ein Bruder war aus dem Kreise der Menschen geschieden ..."

Unter dem neuen, unerprobten und nicht in jeder Hinsicht gleich gut begabten Präsidenten Andrew Johnson musste das Land an die Lösung der schwierigen Probleme der Neuordnung und der Wiedereingliederung der Südstaaten herangehen, denn das Gute, das der Krieg dem Lande gebracht hatte, war von einer üblen Erbschaft überschattet; der Krieg hatte die Union gerettet und ihre Unzerstörbarkeit erwiesen, aber das Land war nicht unversehrt aus dem Hexentanz hervorgegangen.

Die wichtigste politische Aufgabe, vor die sich der siegreiche Norden gestellt sah, war die Klärung der staatsrechtlichen Position der Sezessionsstaaten, denn ein Konflikt hatte sich darüber angesponnen, ob der Kongress oder der Präsident dafür zuständig sei. Lincoln hatte stets die Ansicht vertreten, dass der Austritt der Südstaaten aus dem Verband der Union niemals rechtskräftig gewesen, sondern dass das Volk durch einige treulose Bürger zur Auflehnung gegen die Autorität des Bundes verführt worden sei. Der Krieg war also nach Lincoln das Werk einiger weniger, und die Bundesregierung würde sich nur mit diesen wenigen und nicht mit den Staaten selbst zu befassen haben. Lincoln war überzeugt gewesen, dass er als Präsident und Oberbefehlshaber von Heer und Marine ausschliesslich das Begnadigungsrecht besitze und allein in dieser Sache zuständig sei, und hatte dieser seiner Auffassung gemäss bereits 1863 in einem Erlass bekanntgegeben: Wenn in einem Staate zehn Prozent der Wahlberechtigten von 1860 eine Regierung aufstellten, die sich an die Verfassung halten und die vom Kongress erlassenen Gesetze sowie die Proklamationen des Präsidenten befolgen wolle, so werde er die so gebildete Regierung als die gesetzliche Regierung des betreffenden Staates anerkennen. Der Kongress jedoch verweigerte diesem Plan seine Zustimmung und stritt Lincoln das Recht ab, in dieser Frage irgendetwas ohne vorherige Beratung mit dem Kongress zu unternehmen; der Präsident, so fand der Kongress, habe sich unbefugt gesetzgeberische Befugnisse angemasst. Lincoln seinerseits weigerte sich, ein weit schärferes Gesetz, das 1864 im Kongress angenommen worden war, zu unterzeichnen.

Lincoln aber hatte gehandelt und schon vor Kriegsende Regierungen in Virginia, Tennessee, Arkansas und Louisiana eingesetzt. Einige Kongressmitglieder missbilligten jedoch sein Vorgehen und wünschten eine harte Bestrafung aller Staaten der Konföderation. (Einer von ihnen, Thaddeus Stevens, der Führer der Republikanischen Partei im Repräsentantenhaus, vertrat sogar allen Ernstes die Meinung, man solle die Pflanzer der Südstaaten während einer bestimmten Bewährungsfrist einer Militärregierung unterwerfen.) Andere waren entschlossen, den Negern unverzüglich das Wahlrecht zu erteilen. In der Tat befasste sich der Kongress in jener Zeit nicht so sehr mit der Wiederaufnahme der Südstaaten in die Union als vielmehr mit der Stellung der befreiten Neger und richtete im März 1865 das Freedman's Bureau ein, das über die Rechte der befreiten Neger wachen und sie in ihren ersten Bemühungen, frei ihr Brot zu verdienen, unterstützen sollte. Der Kongress gab überdies der Tatsache der Befreiung der Neger durch einen Verfassungszusatz, der die Sklaverei für abgeschafft erklärte und im Dezember 1865 ratifiziert wurde, die Sanktion des Rechts.

Lincoln hatte so schon sehr früh damit gerechnet, dass die beim Wiederaufbau zu verfolgende Politik zu einer Auseinandersetzung zwischen Exekutive und Legislative führen würde; die Lösung dieser Probleme fiel jedoch nun seinem Nachfolger Andrew Johnson zu, der wohl über reiche Erfahrungen im öffentlichen Leben, Zivilcourage und einen unbeugsamen Willen verfügte, aber unglücklicherweise weder Takt noch Geduld genug besass - solche Eigenschaften waren seinem Wesen vollkommen fremd -, um die Situation zu meistern.

Im Laufe des Sommers 1865 führte Johnson mit geringfügigen Abweichungen Lincolns Wiederaufbauplan durch, ohne den Kongress, der sich vertagt hatte, zu Rate zu ziehen. Er ernannte kraft der Verfügungsgewalt des Präsidenten für jeden der Südstaaten einen Gouverneur und setzte, grosszügig sein Begnadigungsrecht gebrauchend, eine grosse Anzahl von Konföderierten wieder in ihre politischen Rechte ein. In den Südstaaten wurden Delegiertenversammlungen abgehalten, die den Austritt aus der Union rückgängig machten, die Verantwortung für die Kriegsschulden ablehnten und neue Staatsverfassungen aufsetzten. Bald wählte die Bevölkerung jedes Staates ihren Gouverneur und ihre Legislative, und sobald die gesetzgebende Körperschaft eines Staates den Dreizehnten Verfassungszusatz angenommen hatte, erkannte Johnson die Wiedereinsetzung der Zivilverwaltung an und betrachtete den Staat wieder als Mitglied der Union. Dies war bis auf wenige Ausnahmen abgeschlossen, als der Kongress im Dezember 1865 zusammentrat. Noch aber waren die Südstaaten nicht endgültig in ihre alten Rechte im Bundesstaat eingesetzt, denn der Kongress hatte ihren Senatoren und Abgeordneten, die jetzt nach Washington gekommen waren, um sich wieder an der Gesetzgebung für die Vereinigten Staaten zu beteiligen, noch keine Sitze zugeteilt.

Lincoln und Johnson waren sich beide darüber im klaren, dass der Kongress nach der Verfassung das Recht hatte, den Abgeordneten der Südstaaten einen Sitz im Kongress zu verweigern, denn: „Jedes Haus entscheidet über die Qualifikationen seiner Mitglieder selbst." Unter Führung eines Abgeordneten aus Pennsylvania, Thaddeus Stevens, verweigerte die Gruppe, die den Süden bestrafen wollte, den Delegierten der Südstaaten die Sitze und arbeitete im Laufe der folgenden Monate im Kongress einen Wiederaufbauplan aus, der sich weitgehend von den Massnahmen, die Lincoln begonnen und Johnson fast vollendet hatte, unterschied.

Der Kongress hatte aus einer Reihe von Gründen Johnsons Plan abgelehnt. Es liegt in der Natur des amerikanischen Systems, dass während eines Krieges Macht und Ansehen des Präsidenten zunehmen und dass nach dem Kriege der Kongress danach trachtet, seine Autorität wieder herzustellen. 1865 hatte man im Kongress das Gefühl, dass es an der Zeit war, der Macht der Exekutive, deren Ausdehnung der Kongress um des Krieges willen hatte dulden müssen, wieder die Zügel anzulegen. Im Norden gab es überdies Leute, die auf eine strenge Bestrafung des Südens drangen. Sie fanden bei den Radikalen im Kongress Unterstützung, die sich die Tatsache zunutze machten, dass viele Südstaatler, die jetzt ein Mandat suchten, zehn Monate vorher aktiv an einem Kriege zur Vernichtung der Union teilgenommen hatten; der Senator des Staats Georgia zum Beispiel war erst kürzlich der Vizepräsident der Konföderation gewesen. Den Südstaaten erschien es nur natürlich, ihre Führer in den Kongress zu entsenden; für die Nordstaaten aber war es ein Stein des Anstosses.

Es wurde ferner behauptet, dass die Neger Schutz brauchten. Im Laufe der Jahre hatte sich bei vielen der Gedanke durchgesetzt, den Negern das aktive und passive Wahlrecht zu erteilen und sie gesellschaftlich und politisch den Weissen vollkommen gleichzustellen. Andere, unter ihnen Lincoln, traten jedoch dafür ein, die Bürgerrechte schrittweise zu erteilen und zunächst nur gebildeten Negern und solchen, die in der Unionsarmee gedient hatten, die volle Gleichheit zu geben. Aber die unter dem Johnson-Plan geschaffenen Parlamente der Südstaaten erliessen eine Reihe von Gesetzen zur Regelung der Rechte und Freiheiten der emanzipierten Neger, denn den Leuten im Süden, die vor dem Problem standen, was mit 3,5 Millionen eben aus der Sklaverei befreiten Negern geschehen sollte, erschien es notwendig, ihr Tun und Lassen mit einem Netz von (einzelstaatlichen) Gesetzen einzuengen; sie erliessen deshalb die „Schwarzengesetze" (black codes), die den Negern mancherlei Beschränkungen auferlegten. Vielen Bewohnern der Nordstaaten schienen solche Gesetze die Errungenschaften des Krieges zunichte zu machen, und radikale Nordstaatler griffen die anrüchigsten davon heraus und suchten zu beweisen, dass der Süden die Sklaverei wieder einführen wolle.

Nach und nach wuchs in vielen Nordstaaten die Überzeugung, dass der Präsident zu milde gewesen sei, und das löste eine Welle von Sympathie für die radikale Gruppe im Kongress aus. Über Johnsons Veto hinweg erliess der Kongress im April 1866 ein „Gesetz über die Bürgerlichen Rechte" und im Juli 1866 ein neues „Gesetz über das Freedman's Bureau"; beide Gesetze machten es den Parlamenten der Südstaaten praktisch unmöglich, die Neger vor dem Gesetz zu benachteiligen. Der Kongress arbeitete ferner den Vierzehnten Verfassungszusatz aus, nach dem „alle Personen, die in den Vereinigten Staaten geboren oder eingebürgert sind und ihrer Hoheit unterstehen, Bürger der Vereinigten Staaten und des Einzelstaates, in dem sie Wohnsitz haben" sind. Es war natürlich die Absicht der Gesetzgeber, den Negern damit die vollen staatsbürgerlichen Rechte zu sichern.

Mit Ausnahme von Tennessee weigerten sich sämtliche Parlamente der Südstaaten, den Zusatzartikel zu ratifizieren; einige von ihnen stimmten sogar geschlossen dagegen. Dies schien gewissen Gruppen Beweis genug, dass harte Strafen nötig waren und dass der Norden zum Schutz der Rechte der Befreiten eingreifen müsse. Die Radikalen im Kongress machten sich daran, dem Süden ihren Plan aufzuzwingen, und erliessen im März 1867 ein Gesetz zur Wiedereingliederung der Südstaaten (Reconstruction Act), das die bereits errichteten Staatsregierungen überging, den Süden in fünf grosse Bezirke aufteilte und diese unter Militärregierung stellte. Es gab nur eine Möglichkeit, der Militärregierung zu entgehen: diejenigen konföderierten Staaten, die sich bereit erklärten, einen Treueid zu leisten, den Vierzehnten Verfassungssatz zu ratifizieren und den Negern das Wahlrecht zu erteilen, durften nach dem Gesetz eine eigene Zivilverwaltung errichten und sollten wieder in die Union aufgenommen werden. Im Juli 1868 wurde der Vierzehnte Verfassungszusatz ratifiziert, und um das Wahlrecht der Neger in den Südstaaten auch gegen jeden Widerruf durch einen späteren Kongress zu sichern, beschloss der Kongress im Jahre darauf den Fünfzehnten Zusatzartikel, der 1870 durch die gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten ratifiziert wurde. Er besagt, dass „das Stimmrecht von Bürgern der Vereinigten Staaten weder von den Vereinigten Staaten noch von einem Einzelstaate auf Grund von Rasse, Hautfarbe oder wegen eines früheren Sklavenverhältnisses abgesprochen oder eingeschränkt werden darf."

Die Tatsache, dass das Gesetz zur Wiedereingliederung der Südstaaten Präsident Johnson eine demütigende Niederlage brachte, war nur ein Grund mehr für den Kongress, es mit unermüdlicher Energie durchzufechten. Ja, die Feindseligkeit des Kongresses gegen Johnson nahm ein solches Ausmass an, dass zum ersten und einzigen Male in der Geschichte Amerikas ein Verfahren eingeleitet wurde, um einen Präsidenten seines Postens zu entheben, der nichts Schlimmeres verbrochen hatte, als sich der Politik des Kongresses zu widersetzen und dem mit scharfen Worten Ausdruck zu geben. Die schwerste Anklage seiner Feinde gegen ihn war nur, dass er gegen das „Gesetz über die Dauer der Amtsperioden" einen Minister seines Amtes enthoben hatte, der im Kabinett die Tendenzen des Kongresses gegen ihn vertreten hatte. Aber in einer öffentlichen Verhandlung gegen den Präsidenten im Senat erwies sich, dass dieser mit der Entlassung des Kriegsministers seine Befugnisse nicht überschritten hatte. Wichtiger noch war, dass eindrucksvoll zutage trat, welch gefährlicher Präzedenzfall geschaffen worden wäre, wenn der Kongress einen Präsidenten abgesetzt hätte, nur weil seine Mehrheit mit dessen Politik nicht übereinstimmte. Der Versuch, Johnson seines Amtes zu entheben, schlug fehl; er blieb bis zum Ablauf seiner Amtsperiode Präsident.

Im Rahmen des Wiedereingliederungsgesetzes nahm der Kongress bis zum Sommer 1868 gegen den Widerstand des Präsidenten die Staaten Arkansas, Nord-Carolina, Süd-Carolina, Louisiana, Georgia, Alabama und Florida wieder in die Union auf. Dass die neuen Regierungen dieser sieben wieder zugelassenen Staaten nicht den wahren Willen des Volkes verkörperten, erhellt aus der Tatsache, dass die Mehrheit der gewählten Gouverneure, Abgeordneten und Senatoren aus Nordstaatlern bestand, die nach dem Kriege in den Süden gegangen waren, um dort politisch Karriere zu machen. Neger beherrschten die Legislativen von Louisiana, Süd-Carolina und Mississippi und hatten in einigen anderen Staaten, wo sie in der Minderheit geblieben waren, dank ihrer Fraktionsstärke in den Parlamenten grossen Einfluss. Die wenigen Weissen in den gesetzgebenden Körperschaften der Südstaaten waren nicht in der Lage, der Einheitsfront der Nordstaatler und der eben erst mit dem Wahlrecht ausgestatteten Neger die Waage zu halten, die zwar auf manchen Gebieten wertvolle Arbeit leisteten (z.B. im Strassen- und Brückenbau und durch fortschrittliche Schul- und Wohlfahrtsgesetze), jedoch im ganzen genommen unfähig waren und Geld verschwendeten. In ihrer Verzweiflung griffen die Weissen, die ihre ererbte Kultur bedroht sahen und keinen Weg finden konnten, dem neuen Regime auf dem Rechtswege Einhalt zu gebieten, zu ungesetzlichen Massnahmen. Gewalttaten häuften sich mehr und mehr, Ausschreitungen und Unruhen nahmen zu und führten schliesslich im Jahre 1870 zum Erlass des Enforcement Act, eines Gesetzes, das jeden Versuch, die Neger auf irgendeine Weise in ihren Bürgerrechten zu schmälern, mit drastischen Strafen bedrohte.

Die immer schärfer werdenden Gesetze und die dauernden Eingriffe des Kongresses in die Polizeigewalt der Einzelstaaten konnten die wahre Aussöhnung mit dem Norden nicht fördern, die doch für die Wiederherstellung des Gefühle nationaler Gemeinsamkeit so notwendig war. Sie bewirkten überdies, dass die Masse der Weissen im Süden gemeinsam gegen die Republikanische Partei - „die Partei der Neger" - Front machte und sich geschlossen hinter die Demokratische Partei stellte. Langsam aber wuchs die Einsicht, dass das Problem des Südens nicht durch harte Gesetze und nachtragenden Hass gegen ehemalige Konföderierte zu lösen war; im Mai 1872 erliess der Kongress schliesslich ein allgemeines Amnestiegesetz, das mit Ausnahme von etwa fünfhundert Männern allen Konföderierten, denen das aktive und passive Wahlrecht entzogen worden war, wieder die vollen staatsbürgerlichen Recht zuerkannte. Nach und nach und in einem Staat nach dem anderen wurden Mitglieder der Demokratischen Partei in die Staatsämter gewählt, bis 1876 nur noch in drei Südstaaten eine republikanische Mehrheit übrig war. Die in diesem Jahr stattfindende Präsidentenwahl, die auf einen der härtesten und turbulentesten Wahlkämpfe in der amerikanischen Geschichte gefolgt war, liess klar erkennen, dass es im Süden nur zum Frieden kommen würde, wenn die Truppen zurückgezogen würden. Präsident Rutherford B. Hayes beendete ein Jahr später die Besatzung und gab damit das Scheitern der „radikalen" Wiedereingliederungspolitik zu, die vor allein deswegen eingeschlagen worden war, weil der idealistische Flügel der Republikanischen Partei die Neger schützen wollte, dabei aber den Interessen des materialistisch denkenden Flügels diente, der den Süden zu halten gehofft hatte, weil er Wahlstimmen, Ämter und Macht bedeutete.

Die Herrschaft des Nordens über den Süden war damit vorbei. Der Süden war vom Kriege verwüstet, mit den Schulden unfähiger Regierungen belastet und durch ein Jahrzehnt der Rassenkämpfe demoralisiert; erst nach zwölf Jahren - den Jahren des „falschen" Wiederaufbaus von 1865 bis 1877 - ging man daran, ernstlich die Ordnung wiederherzustellen. Fast nicht zu bewältigen schien die Aufgabe, die Verwüstungen des Krieges und das Chaos der Nachkriegszeit zu beseitigen; die Tragödie des Bürgerkriegs und die durch ihn entstandene Bitterkeit waren nicht mehr aus der amerikanischen Geschichte auszumerzen. Nur durch ein wirkliches Verständnis dieses Krieges, seiner Ursachen und seiner Folgen können einige der bleibenden Probleme eines grossen Gebietes in Amerika, des Südens der Vereinigten Staaten, dem geschichtlichbegreifenden Sinne sich erschliessen.

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